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Posttraumatischer Kopfschmerz nach Schädel-Hirn-Trauma und HWS-Distorsion
Zusammenfassung
Schädel-Hirn-Traumen (SHT) und HWS-Beschleunigungsverletzungen
(HWS-BV) werden in 90% von einem posttraumatischen Kopfschmerz ( PK ) gefolgt.
Der PK nach leichtgradiger HWS-BV ist meist occipital betont, von dumpf-drückendem
und/oder ziehendem Charakter und hält im Mittel 3 Wochen an. Nach SHT
sind nach 1/2 Jahr über 80% der Patienten kopfschmerzfrei. Der Spannungskopfschmerz
ist mit 85% der häufigste Typ der posttraumatischen Kopfschmerzen. Neben
cervikogenem Kopfschmerz und einem symptomatischen (sekundären) Kopfschmerz
bei intrakranieller Blutung (Epi- oder Subduralhämatom, subarachnoidale-
oder intracerebrale Blutung) oder intracranieller Druckerhöhung sind in
seltenen Fällen posttraumatische Kopfschmerzen möglich, die der Migräne
oder dem Cluster-KS ähneln. Es kann sich ein Medikamenten induzierter
Dauerkopfschmerz entwickeln, wenn bei akutem PK Analgetika länger
als 4 Wochen verabreicht werden.
Zur optimalen Behandlung des PK ist eine exakte
Akutdiagnostik und verlaufsabhängige Überprüfung
der Diagnose von besonderer Bedeutung. Ein symptomatischer Kopfschmerz (nach
Kalotten- bzw. HWK-Fraktur oder bei intrakranieller Blutung) darf nicht übersehen
werden.
Die Behandlung des PK erfolgt in der Akutphase mit einfachen Analgetika, Antiphlogistika
und/oder Muskelrelaxantien, falls erforderlich mit transienter HWS-Immobilisation
mit Hilfe einer Halskrause; bei länger anhaltendem PK mit Gabe von trizyklischen Thymoleptika (z.B. Amitriptylin oder Amitriptylin-Oxid) begleitend zu einer allgemein-roborierenden, physikalischen und physiotherapeutischen Behandlung, im Bedarfsfall mit begleitender psychotherapeutischer Stützung.
Zur Vermeidung einer PK-Chronifizierung wird eine rasche Klärung forensischer Angelegenheiten empfohlen. Die mögliche Entwicklung eines medikamenten induzierten Dauekopfschmerzes muß durch
streng indizierte und nur kurzfristige Analgetika-Verschreibung sowie durch
engmaschige Kontrolluntersuchungen verhindert werden.
Schlüsselwörter:
Posttraumatischer Kopfschmerz, Schädel-Hirn-Trauma, HWS-Schleudertrauma,
Kopfschmerz vom Spannungstyp
Summary
Head trauma (HT) and whiplash injury (WI) are followed by a posttraumatic headache
(PH) in approx. 90% of patients. In general, the PH due to common WI is located
occipitally, is of dull-pressing or dragging character and lasts on average
3 weeks. Tension headache is the most frequent type of PH (85%). Besides
posttraumatic cervicogenic headache or symptomatic, secondary headache due
to epi- or subdural hematoma, due to subarachnoidal or intracerebral bleeding
or due to an increased intracranial pressure, migraine- or cluster-like headache
can be observed in rare cases. Prolonged application of analgetics (> 4
weeks) can cause a drug induced headache. In 80% of patients PH following
HT shows remission within 6 months. Chronic PH lasting at least 4 years occurs
in 20%.
In order to optimize the treatment of PH a well defined initial diagnosis
and a coursedependent reevaluation is of special importance. It should not
occur, that a secondary, symptomatic headache (e.g. due to fracture or intracranial
bleeding) is overseen. Acute PH is treated with analgesics, antiphlogistics
and/or muscle relaxants; chronic PH with thymoleptics (e.g. Amitryptiline or
Amitryptiline oxide). Additional physical therapy (e.g. wearing a cervical
collar for a short time, hydrocollator pack), physiotherapy incl. muscle relaxation
techniques (Jacobson) and psychotherapy can be performed. Medico-legal issues
should be solved as soon as possible. The developement of a drug induced headache
has to be prevented by a controlled and shortlasting prescription of analgetics
and by narrow timed reexaminations of the patient.
Key words
Posttraumatic headache, head trauma, whiplash injury, cervical spine, tension
type headache.
In den nachstehenden Ausführungen werden die möglichen Therapiestrategien
des posttraumatischen Kopfschmerzes (PK) nach kurzer Darstellung von Klinik,
Diagnostik und Verlauf eingehend beschrieben.
1. Definition
Entsprechernd der Kriterien der 'International Headache Society' (IHS) wird
der posttraumatische Kopfschmerz folgendermaßen definiert (18):
a) Anamnestisch
muß ein Schädel-Hirn-Trauma (SHT) oder eine HWS-Beschleunigungsverletzung
(HWS-BV) definierten Schweregrades mit Angaben zur Bewußtlosigkeit oder
posttraumatischer Amnesie für
mehr als 10 Minuten vorliegen.
b) Zumindest zwei der nachstehend aufgeführten
Untersuchungsverfahren müssen pathologische Auffälligkeiten aufweisen:
klinisch-neurologische Untersuchung, Nativ-Röntgen-Aufnahmen des Schädels
(oder der HWS), kraniale (und zervikale) bildgebende Verfahren, neurophysiologische
Untersuchungen (evozierte Potentiale, Vestibularisfunktionstests), neuropsychologische
Untersuchungen oder eine Liquoruntersuchung.
c) Der akute PK tritt innerhalb
von 14 Tagen nach dem Trauma (ohne Bewußtlosigkeit)
oder nach Wiedererlangung des Bewußtseins bei einem Trauma mit Bewußtlosigkeit
auf.
d) Der PK wird als akut definiert, wenn er innerhalb von 8 Wochen nach
Wiedererlangen des Bewußtseins oder nach dem Trauma ohne Bewußtlosigkeit
wieder abgeklungen ist.
e) Der chronische PK hält lediglich länger
als 8 Wochen nach Wiedererlangen des Bewußtseins oder nach einem Trauma
ohne Bewußtlosigkeit
an.
2. Epidemiologie
In Deutschland liegt die Inzidenz des SHT bei 348/100.000/Jahr
(zum Vergleich: Schlaganfall 319/100.000/Jahr) bzw. bei 300.000/Gesamtbevölkerung
(=80 Mio.)/Jahr (12). Bis zu 90 % der symptomatischen, leichtgradigen SHT und
auch der HWS-BV sind von einem PK gefolgt (10a).
Demnach leiden in Deutschland jährlich bis zu 270.000, d.h. über eine Viertelmillion der Bevölkerung an einem PK. Unabhängig von den Unfallmechanismen ist der Kopfschmerz vom Spannungstyp mit ca. 85 % der häufigste Kopfschmerz aller posttraumatischen Kopfschmerz-Typen (15, 16, 29). Die Inzidenz eines Kopfschmerzes vom Migräne-Typ, der sich nach einem SHT manifestiert, liegt dagegen nur bei ca. 2,5 %. Kinder und Jugendliche sind bevorzugt betroffen (14, 43, 46). Es handelt sich hierbei eher um einen primären Kopfschmerz, bei dem ein SHT nur als Auslöser
fungiert.
Anekdotisch werden auch das posttraumatische Auftreten einer vertebro-basilären Migräne (20), die als eigenständiges
Krankheitsbild angezweifelt wird (17), oder die posttraumatische Erstmanifestation
eines Orgasmus-Kopfschmerzes (10a) beschrieben.
Exakte Häufigkeitsangaben bezüglich eines posttraumatischen zervikogenen
Kopfschmerzes (11, 35, 38, 42) sowie eines PK vom Cluster-Typ (30, 40) liegen
nicht vor.
3. Klinik
Posttraumatische Kopfschmerzen treten als Folgen eines SHT oder einer HWS-BV
in der Regel nicht monosymptomatisch auf, sondern sind Teil eines Symptomkomplexes,
der als posttraumatisches Syndrom insbesondere bei Chronifizierung häufig
gutachterliche Probleme bereitet. Die Charakteristika des posttraumatischen
Syndroms sind in Tabelle 1 zusammengefasst.
» Tabelle 1: Charakteristik
des posttraumatischen Syndroms nach Schädel-Hirn-Trauma mit dem
PK als Kardinalsymptom.
Der PK kann sich mit unterschiedlicher Charakteristik manifestieren und
muß deshalb zur differentialtypologischen Abklärung mit entsprechender unterschiedlicher therapeutischer Konsequenz exakt anamnestiziert werden. Die klinische Phänomenologie des PK reicht von Kopfschmerzen mit den Charakteristika eines Spannungs-, Migräne- oder Clusterkopfschmerzes über zervikogenen Kopfschmerz bis zum sekundären Kopfschmerz bei intrakranieller Blutung bzw. Druckerhöhung oder bei knöcherner HWS- bzw. Schädelverletzung. Die posttraumatische Kopfschmerztypologie ist in Tabelle 2 zusammengestellt. Die Kenntnis der Typologie des PK ist zur Einleitung einer für
den Kopfschmerz-Typ spezifischen Behandlung erforderlich.
» Tabelle 2: Typologie der
möglichen posttraumatischen Kopfschmerzformen. Der Kopfschmerz vom
Spannungstyp ist mit 85% die häufigste
Manifestation des posttraumatischen Kopfschmerzes.
3.1. Posttraumatischer Kopfschmerz vom Spannungstyp
Klinisch und gemäß IHS-Kriterien ist der Kopfschmerz vom Spannungstyp die häufigste posttraumatische Kopfschmerzform (siehe Epidemiologie), gekennzeichnet durch einen dumpf-drückenden, ziehenden oder pressenden Schmerzcharakter, der holocephal, bandförmig
oder helmartig, meist nucho-occipital betont, selten episodisch oder meist
kontinuierlich in Erscheinung tritt.
Nach HWS-BV ist der PK bei nahezu der Hälfte der Patienten mit einem begleitenden Gefühl der Kopfschwere verbunden (24). Der Kopfschmerz tritt meist erst nach einem beschwerdefreien Intervall von wenigen Stunden bis zu einem Tag (21, 25), im Mittel ca. 5 Stunden nach dem Beschleunigungstrauma auf (22). Der Kopfschmerz ist in Zweidrittel der Fälle occipital betont. Er ist in über Dreiviertel der Patienten von dumpf-drückendem
bzw. ziehendem Charakter und zeigt ein abendliches Maximum (22, 24).
» Tabelle 3: Inzidenz und Charakteristik
des bei 85% der Verunfallten anzutreffenden posttraumatischen Kopfschmerzes
für den Fall einer leichtgradigen HWS-Beschleunigungsverletzung
(modifiziert nach 24).
3.2. Posttraumatischer zervikogener Kopfschmerz
Abzugrenzen ist klinisch der posttraumatische, zervikogene Kopfschmerz, der
zwar ebenfalls occipito-nuchal betont sein kann, jedoch typischerweise von
occipital nach frontal ausstrahlt, von ziehendem Schmerzcharakter ist und
nicht holocephal, sondern streng einseitig und ohne Seitenwechsel lokalisiert
ist. Gemäß IHS-Kriterien wird zur Diagnosesicherung eine reproduzierbare mechanische Provokation oder Exazerbation des Kopfschmerzes durch definierte Kopfstellungen sowie eine erhöhte Druckschmerzempfindlichkeit des N. occipitalis-Austrittspunktes als Hinweis auf eine C 2-Irritation gefordert. Gestützt wird die Diagnose durch Trauma bedingte knöcherne Verletzungsfolgen an der Halswirbelsäule.
3.3. Posttraumatische Kopfschmerzen vom Migräne-Typ
Der posttraumatische Kopfschmerz vom Migräne-Typ manifestiert sich auch
hemikraniell, wechselt jedoch meist die Seite und ist in der Regel nicht
von dumpf-drückendem oder ziehendem, sondern von pulsierendem Schmerzcharakter.
Die Schmerzintensität verstärkt sich bei körperlicher Aktivität.
Vegetative Begleitbeschwerden wie Übelkeit, Brechreiz, Emesis oder Schwindelgefühl
verbunden mit Photo- und/oder Phonophobie sind häufig. Der Kopfschmerz
vom Migräne-Typ kann mit einer Aura mit neurologischen Reiz- und/oder
Ausfallserscheinungen verbunden sein. Aurasymptome können posttraumatisch
auch isoliert auftreten. Meist ist ein vorbestehendes Migräneleiden
bekannt, und das Trauma mit den zahlreichen belastenden peristatischen Faktoren
ist häufig nur Auslöser einer Attackenhäufung. Gehäuft
besteht eine positive Familienanamnese. Die Verursachung eines Migräneleidens
durch ein SHT oder eine HWS-BV ist (auch gutachterlich) sehr unwahrscheinlich.
Die
sehr seltene und nicht gesicherte posttraumatische Basilaris-Migräne
(28) imponiert durch eine Assoziation des Kopfschmerzes mit einer Hirnstammsymptomatik
mit Drehschwindel, Nausea, Emesis und Hirnnervenausfällen variablen
Ausmaßes.
3.4. Posttraumatischer Kopfschmerz vom Cluster -Typ
Der posttraumatische Cluster-Kopfschmerz vom Cluster-Typ unterscheidet sich
klinisch nicht von dem primären Cluster-Kopfschmerz, ist jedoch therapeutisch schwerer zu beeinflussen (27). Im Vordergrund der Beschwerden steht ein periorbitaler, fronto-temporal betonter, einseitiger, drückender
oder pochender Kopf- und Gesichtsschmerz begleitet von einer lokalen Symptomatik
vegetativer Dysfunktion wie Ptose, Miosis, Enophthalmus, Lakrimation, Rhinorrhoe
und konjunktivale Injektion.
3.5. Medikamenten induzierter Kopfschmerz
Nehmen Patienten wegen eines akuten posttraumatischen Kopfschmerzes Analgetika über einen längeren Zeitraum und/oder unkontrolliert ein, so kann sich ein Medikamenten induzierter Dauerkopfschmerz entwickeln. Dieser kann sich schon nach nur 4-wöchiger kontinuierlicher Analgetika-Einnahme manifestieren, tritt jedoch in der Regel erst nach mehrjährigem, meist mißbräuchlichem Schmerzmittel'genuß' in Erscheinung. Der Medikamenten induzierte Dauerkopfschmerz tritt täglich auf, ist schon morgens vorhanden, ist von dumpf-drückenden Charakter, ist holocephal verteilt und verstärkt sich bei körperlicher Belastung. Mitunter gelingt klinisch die Abgrenzung von einem chronischen PK oder Spannungskopfschmerz erst nach einer erfolgreichen Entgiftung. Prädisponiert sind Frauen (Frauen:Männer 5:1), Patienten mit schon vor dem Unfall bekanntem primären Einzel- oder Kombinationskopfschmerz (wie Spannungskopfschmerz oder/und Migräne) und Patienten mit einer Neigung zu mißbräuchlicher
Medikamenteneinnahme (5, 7).
3.6. Andere Kopfschmerzen
Zur Vermeidung weiterreichender negativer Konsequenzen ist es von Bedeutung,
schon in der Frühphase nach dem Trauma einen anderweitigen symptomatischen Kopfschmerz von den eben skizzierten Kopfschmerztypen mit exakter Anamnese und eingehender Untersuchung abzugrenzen. Bei entsprechender Kopfschmerzbeschreibung und auffälliger Inspektion muß an einen zirkumskripten Kopfschmerz bei Skalp- oder Kalottenverletzung z. B. durch ein subgaleales Hämatom oder Fraktur gedacht werden. Bei entsprechender neurologischer Reiz- oder Ausfallssymptomatik ist ebenso an einen sekundären Kopfschmerz bei intracranieller Blutung (z. B. SDH, SAB, ICB) oder bei intracranieller Druckerhöhung zu denken. Ein heftiger nuchaler, nach occipital ausstrahlender, einseitiger Kopfschmerz eventuell mit begleitender Hirnstammsymptomatik kann neben einem differentialdiagnostisch zu erwägenden Vorliegen eines zervikogenen Kopfschmerzes, einer SAB oder einer Basilarismigräne
auch auf ein Vertebralis-Dissekat hinweisen. Ein halbseitiger oder halbseitenbetonter
Kopfschmerz mit einem begleitenden Schmerz in der gleichseitigen Hals- und/oder
Gesichtspartie sollte an ein traumatisch bedingtes Dissekat der A. carotis
interna denken lassen.
4. Diagnostik
Exakte Diagnostik beim PK ist erforderlich, da sie die Weichenstellung für
eine gezielte Therapie darstellt. Zielsetzung der diagnostischen Maßnahmen
sollte es deshalb sein symptomatische Kopfschmerzen möglichst in der
Akut- bzw. Frühphase nach dem Trauma auszuschließen bzw. zu erkennen
und somit einer kausalen Behandlung zuzuführen.
Die Basis-Diagnostik
bei akutem posttraumatischem Syndrom mit dem führenden
Symptom eines Kopfschmerzes nach SHT beinhaltet Nativ-Röntgen des Schädels
incl. Schädelbasis sowie Durchführung eines kranialen CT`s zum
Ausschluß von intrakraniellen Traumafolgen wie etwa Kontusionsherden
oder Blutungen (z. B. epidurales Hämatom, subdurales Hämatom, intracerebrale
Blutung, Kontusionsblutung oder subarachnoidale Blutung). Erfolgt die Darstellung
der knöchernen kranialen Strukturen im Knochenfenster des CCT's sind
die Nativ-Röntgenaufnahmen des Schädels und der Schädelbasis
nicht nötig. Abhängig von der Akutsymptomatik wird ergänzende
Diagnostik erforderlich, die in Tabelle 4 mit aufgeführt
wird.
» Tabelle 4: Apparative Basis-Diagnostik
abhängig von der Befundkonstellation bei postraumatischem Kopfschmerz
im Rahmen eines posttraumatischen Syndroms nach Schädel-Hirn-Trauma.
Bei
begleitendem Nackenschmerz mit anamnestischen und klinischen Hinweisen
auf eine zusätzliche HWS-Distorsion, die in bis zu 50 % der SHT vorliegen
kann (33), wird zusätzlich radiologische Nativ-Diagnostik der Halswirbelsäule
erforderlich. HWS-Aufnahmen sollten in 4 Ebenen angefertigt werden (lateral
und p.a.-Aufnahmen) zum Nachweis von Frakturen, Luxationen oder Knickbildung
sowie ergänzend Schrägaufnahmen zur Beurteilung der Foramina. Zusätzliche
(passiv gehaltene!) Funktionsaufnahmen mit maximaler Re- und Inklination
der HWS weisen durch vermehrte Aufklappbarkeit ligamentäre Läsionen
nach, ebenso eine mögliche traumatische Spondylolisthesis. Perorale
Dens-Darstellung kann eine Dens-Fraktur, -Luxation oder atlantodentale Lockerung
als mögliche
Schmerzursache aufzeigen.
Das diagnostische Procedere nach HWS-BV ist in Tabelle 5 zusammenfassend
dargestellt. Die Tabelle schließt die aufwendigere, funktions- und
bildgebende apparative Diagnostik bei den seltenen mittelschweren und schweren
HWS-BV mit Läsion von Knochen und/oder Nervensystem mit ein. In den
meisten Fällen der HWS-BV kann sich jedoch zusatzdiagnostisch auf
die Nativ-Röntgenuntersuchungen beschränkt
werden.
» Tabelle 5: Diagnostische
Schritte bei posttraumatischem Syndrom mit Kopfschmerz als Folge einer
Beschleunigungsverletzung der Halswirbelsäule entsprechend der Klinik
der unterschiedlichen Schweregrade (modifiziert nach 23).
Die (Erst-)Diagnose
eines posttraumatischen Kopfschmerz-Typs sollte im Verlauf immer dann kritisch überprüft
werden, wenn sich neurologische Symptome einstellen oder ändern und
insbesondere wenn sich ein Wandel bestehender oder ein Hinzutreten neuer
Kopfschmerzsymptome erfragen läßt.
Nur so kann eine Ursachen gerechte Therapie der Wahl erfolgen. Dies gilt
besonders für die Entwicklung von Kombinationskopfschmerzen, wenn
sich zu einem primären Kopfschmerz z. B. vom Spannungstyp ein sekundärer
symptomatischer Kopfschmerz z. B. durch subakute oder chronische Ausbildung
einer intracraniellen Blutung wie etwa eines SDH ausbildet, wie dies gerade
bei älteren oder marcumarisierten Patienten häufiger
der Fall sein kann.
5. Verlauf
Meist junge Patienten mit einer sehr leichten Commotio cerebri (z.B. ohne
Bewußtlosigkeit, aber vegetativen Auffälligkeiten und posttraumatischem (Kopf)schmerzsyndrom) erholen sich von den Unfallfolgen innerhalb einiger Tage (2). Der klassische "Commotio cerebri Patient" mit kurzer Bewußtlosigkeit und einer Erinnerungslücke von weniger als 60 Minuten erholt sich im Regelfall innerhalb von 6-12 Wochen vollständig (13). Das posttraumatische Syndrom nach einer schwereren Commotio cerebri remittiert meist innerhalb von Monaten bis Jahren (19, 41). Nach einem halben Jahr sind über
80 % der Patienten nach SHT kopfschmerzfrei.
Die Auswirkung einer zum Unfallzeitpunkt bestehenden sozialen Belastungssituation
auf den Beschwerdeverlauf wird kontrovers diskutiert. Circa 20 % der Patienten
mit SHT leiden noch 4 Jahre nach dem Trauma an posttraumatischen Kopfschmerzen
und 10% - 15% zeigen keine vollständige Remission des posttraumatischen
Syndroms, das i.S. eines chronischen postkommotionellen Syndroms mit Kopfschmerz,
Nackenschmerz, Schwindel und objektivierbaren neuropsychologischen Defiziten
und Störungen der Affektivität
und Befindlichkeit bestehen bleibt (3, 31, 32).
Die mittlere posttraumatische
Kopfschmerzdauer nach leichtgradiger HWS-BV (ohne neurologische Defizite oder
knöcherne HWS-Verletzungen) liegt bei 3 Wochen.
Der Kopfschmerz bildet sich in dieser Patientengruppe in der Regel innerhalb
eines Vierteljahres zurück (22, 24). Eine verzögerte Rückbildung
des posttraumatischen Kopfschmerzes nach HWS-BV wurde bei Patienten mit initial
heftigstem Kopfschmerz, mit ausgeprägter Einschränkung der passiven
HWS-Mobilität (insbesondere der Inklination), bei Patienten mit schlechter
Befindlichkeit und depressiver Verstimmung, mit somatisch-vegetativen Beschwerden
und bei Patienten höheren Alters gefunden (10, 24, 25). Schädel-Hirn-Traumata
in der Vorgeschichte oder eine positive Kopfschmerzanamnese mit schon vor dem
Unfall aufgetretenen Kopfschmerzen vom Spannungstyp verlängern ebenso
die posttraumatische Kopfschmerzdauer (39). Darüberhinaus bildet sich
der posttraumatische Kopfschmerz nach höhergradigen HWS-Beschleunigungsverletzungen
mit auffälligen HWS-Röntgen-Befunden (Fraktur, Luxation, Knickbildung)
und/oder mit neurologischen Auffälligkeiten langsamer zurück
(21, 25, 39).
6. Therapie
Die Behandlung variiert gemäß Kopfschmerztyp und (akuter vs. chronischer)
Kopfschmerzdauer. Die Behandlungsvorschläge
basieren auf klinischen Erfahrungswerten und kontrollierten Studien.
Die posttraumatischen
Kopfschmerzen vom Spannungstyp unterscheiden sich klinisch nicht von einem
primären, episodischen oder chronischen Spannungskopfschmerz
und werden entsprechend den Therapierichtlinien des primären Spannungskopfschmerzes
behandelt. Mittel der 1. Wahl für den akuten Kopfschmerz vom Spannungstyp
sind Analgetika wie Acetylsalicylsäure (500-1000 mg/die, max. 1500 mg/die),
Paracetamol (500-1000 mg, max. 1500 mg/die), ersatzweise Ibuprofen als retardierte
Form (400-600 mg/die) oder Naproxen (500-1000 mg/die), vgl. nachstehende Tabelle
6; (9, 27, 36, 45). Die Gabe von Mischpräparaten sollte vermieden werden.
Hält der Kopfschmerz länger als 4 Wochen an, sollten wegen der Gefahr
der möglichen
Ausbildung eines Medikamenten induzierten (Dauer-)kopfschmerzes keine Analgetika
mehr gegeben werden.
» Tabelle 6: Möglichkeiten der medikamentösen
Therapie des akuten posttraumatischen Kopfschmerzes (vom Spannungstyp)
Zur Behandlung des chronischen Kopfschmerzes vom Spannungstyp werden trizyklische
Antidepressiva wie z. B. Amitriptylin in einer abendlichen Dosis von 25-100
mg/die empfohlen, alternativ Amitriptylin-N-Oxid 30-90 mg/die. Die Aufdosierung
sollte schleichend erfolgen. Häufig wird das Medikament zu kurz verabreicht. Erst nach einer 8-wöchigen Gabe kann der Therapieerfolg beurteilt werden. Bei fehlender Effizienz kann alternativ auf Doxepin bzw. Imipramin oder Hemmer wie z.B. Tranylcypromin (20 - 40 mg /die) ausgewichen werden. Moderne Serotoninwiederaufnahmehemmer wie Fluoxetin sind nicht wirksam. Die Therapieansätze
sind in Tabelle 7 zusammengestellt.
» Tabelle 7: Medikamentöse
Therapie des chronischen posttraumatischen Kopfschmerzes vom Spannungstyp
Der
Medikamenten induzierte Dauerkopfschmerz bei protrahierter Analgetika-Einnahme
im Verlauf eines initialen akuten (oder chronischen) PK wird ursächlich
mit ambulanter, besser stationärer Entgiftung und anschließendem
Entzug behandelt: Absetzen der Analgetika oder Ergotamin-Präparate, Ausschleichen
von Barbituraten oder Benzodiazepinen, bei Bedarf Gabe von Antiemetika und
zur Überbrückung bei initialer KS-Exacerbation Naproxen 2 x 500 mg/die
oder ASS 500 mg - 1000 mg i.v. max 3 x pro die, im Anschluß bei Bedarf
Einleitung einer KS-Prophylaxe ( Spannungskopfschmerz, vgl. Tab.7, 8; Migräne
s.u.) und Verhaltenstherapie (6).
Der posttraumatische Kopfschmerz vom Migräne-Typ
wird in der Attacke mit einem Analgetikum (z. B. ASS 1000 mg, als Brausetabletten
gelöst)
in Kombination mit einem ca. 20 Minuten zuvor verabreichten Antiemetikum (z.
B. Domperidon oder Metoclopramid, 10 -20 mg oral) behandelt.
Bei heftigen, lang
anhaltenden oder häufigen Migränetypischen Attacken
sollte eine medikamentöse
Behandlung zur Attackenprophylaxe mit einem Betablocker z. B. Metoprolol bis
zu 200 mg/die oder Propranolol bis zu max. 240 mg/die erfolgen (8, 44).
'Migräneähnliche' posttraumatische Kopfschmerzen sprechen ebenfalls
auf Propanolol oder Amitriptylin (25 - 150 mg/die) - als Monopräparat
oder in Kombination gegeben - an (47).
Der sehr seltene posttraumatische Kopfschmerz
vom Cluster-Typ wird in Analogie zu dem primären Cluster-Kopfschmerz behandelt
(4, 27, 37). Die Clustertypische Attacke kann durch den Patienten selbst mit
der Inhalation von 100%igem Sauerstoff (7 l/Minute) über 15 Minuten oder
mit nasaler Instillation von 4% Lidocain coupiert werden. Ärztlicherseits
ist die s.c.-Gabe von DHE (1 - 2 mg) oder die s.c.-Gabe von 6 mg Sumatriptan
möglich.
Mittel der 1. Wahl zur Prophylaxe ist Verapamil (z. B. Isoptin,
3 x 80 mg/die). Erst bei nicht zufriedenstellender therapeutischer Effizienz
ist ein ergänzender
Behandlungsversuch mit Lithium (600-1500 mg/die bei Plasmaspiegeln von max.
1,2 mmol/l) möglich. Bei Häufung der Cluster-typischen Kopfschmerz-Attacken
trotz der aufgezeigten Behandlungsmöglichkeiten ist ein "Durchbrechungsversuch" mit
kurzzeitiger oraler Steroidgabe sinnvoll (z. B. Prednison 60 mg für 3
Tage mit ausschleichendem Absetzen über
14 Tage).
Posttraumatische kombinierte Kopfschmerzformen werden in der Regel
mit einem additiven Regime behandelt, das sich aus der Summe der einzelnen
Kopfschmerztypspezifischen Behandlungsmaßnahmen zusammensetzt.
Posttraumatische
(zerviko-)zephale Schmerzen nach einer Beschleunigungsverletzung der Halswirbelsäule
werden in der akuten Schmerzphase durch eine vorübergehende
und möglichst kurzfristige Entlastung des zervikalen Halteapparates durch
Imobilisation mit einer "Halskrawatte" (z. B. Campkragen) behandelt.
Die Tragedauer sollte bei leichtgradigen HWS-Beschleunigungsverletzungen so
kurz wie möglich, aber so lang wie nötig angesetzt werden. Zur Vermeidung
einer in-aktivitätsbedingten Hypotrophie der Nacken-Halsmuskulatur sollte
die Tragezeit möglichst nur einige Tage und nicht länger als 14 Tage
dauern. Bei Angabe von morgendlich verstärktem Nacken-Kopfschmerz empfiehlt
sich das (vorübergehende) bevorzugte Tragen des zervikalen Stütz-kragens
während des Nachtschlafes zur Vermeidung zusätzlicher zervikaler
Weichteilzerrung bei Kopfbewegungen im Tiefschlaf aufgrund der Tiefschlafphasen-abhängigen
Hypotonie der Nackenmuskulatur. Stets ist auf möglichst frühzeitige
Mobilisation zu achten (10, 21, 23, 25).
Ergänzende physikalische Maßnahmen
mit Wärmeapplikation sind
indiziert. Trockene Wärme (Rotlicht, Lichtbogen, Heißluft, Heizkissen)
oder feuchte Wärme (Fango) haben sich bewährt. Bei therapeutischer
Insuffizienz physikalischer Maßnahmen kann ergänzend medikamentös
muskelrelaxierend, antiphlogistisch/antirheumatisch und erforderlichenfalls
analgetisch therapiert werden: als Muskelrelaxans z. B. Tetrazepam 1-3 x 50
mg/die, evtl. in Kombination mit Paracetamol Tabletten oder Suppositorien 3
x 500 mg/die oder alternativ Diclofenac-Natrium Dragees oder Suppositorien
3 x 50 mg/die, falls erforderlich unter gastroprotektiver Begleittherapie.
Zur Vermeidung mißbraüchlicher Medikamenten-Einnahme mit der Gefahr
der Entwicklung eines Medikamenten-induzierten Dauerkopfschmerzes sollte die
medikamentöse Behandlung des posttraumatischen Kopfschmerzes in der Akutphase
nur zurückhaltend
und unter engen Kontrollen des Einnahmeverhaltens erfolgen.
Nach Abklingen des
akuten Schmerzsyndroms (nach ca. 1-4 Wochen) sollte frühzeitig
mit krankengymnastischer Behandlung (aktiven Bewegungsübungen, isometrischen
Spannungsübungen) begonnen werden. Bei chronifizierenden postraumatischen
Kopfschmerzen ist bei strenger Indikation unter Berücksichtigung der Unfallanamnese
(u.a. Kopfrotation bei Aufprall) ein fachkundiger manualmedizinischer Therapieversuch
zur Aufhebung segmentaler Wirbelgelenksblockaden zu erwägen. Bei protrahierter
Kopfschmerzrückbildung ist eine begleitende krankengymnastische Behandlung
mit abgestuften Übungsbehandlungen und zervikalem Haltungsaufbau über
einen längeren
Zeitraum von besonderer Bedeutung.
Allgemeinroborierende Maßnahmen (Sport, Meidung von Genußmitteln, vegetative Stabilisierung, geregelte Lebensführung) können hinzutreten. Rasche Gewährung von Entschädigungsansprüchen, Lösung von unfallbedingten Problemstellungen und verständnisvolle Führung des Patienten können helfen die Beschwerdedauer zu verkürzen. Diese nicht-medikamentösen Therapiemaßnahmen bei chronischem PK werden in Tabelle 8 aufgeführt
» Tabelle 8: Nicht-medikamentöse
Therapieformen des chronischen PK vom Spannungstyp.
Bei protrahierter Remission
mit Chronifizierung empfiehlt sich neben dem Erlernen muskelzentrierter Entspannungstechniken
der Schulter-Nacken-Muskulatur (z. B. nach Jakobson) ein thymoleptischer Therapieansatz
mit Amitriptylin 25 - 100 mg/die oder mit (abendlichem) Amitriptylin-Oxid 30
- 90 mg/die zur günstigen
Beeinflussung des zentralen Schmerzerlebens (vgl. auch Tabelle 7, 9).
Die verlaufsabhängig
differierenden Therapiestrategien und differentialdiagnostischen Überlegungen
sind abschließend als Stufenpläne für das zervikozephale Schmerzsyndrom
nach einer HWS-Beschleunigungsverletzung (Tab.9) und nach einem Schädel-Hirn-Trauma
in Tabelle 10 wiedergegeben. Die therapeutischen Stufenpläne sind nur
als generelle Orientierung gedacht und sind den individuellen Beschwerdeverläufen
der Patienten variabel anzupassen.
» Tabelle 9: Therapeutischer
Stufenplan posttraumatischer zervikozephaler Schmerzen nach HWS-Beschleunigungsverletzung
im akuten und rehabilitativen Stadium, (modifiziert nach 26).
» Tabelle 10: Therapeutische
und differentialdiagnostische Strategien bei posttraumatischem Kopfschmerz
nach Schädel-Hirn-Trauma (SHT I), (modifiziert nach 26).
Obsolete Therapie
In der Akutphase des posttraumatischen Kopfschmerzes nach SHT oder HWS-Distorsion
besteht in der Regel keine Indikation für die Gabe von Opioiden. Diese
ist bei dem Abhängigkeitspotential zu meiden. Gleiches gilt für
die Gabe von Benzodiazepinen, abgesehen von einer möglichen transienten
Verabreichung als Muskelrelaxantien. Während eine kurzfristige Gabe
peripher wirksamer Analgetika im initalen Akutstadium sinnvoll ist, sollte
eine längere Gabe z.B. länger als 4 Wochen unbedingt vermieden
werden, da sich nicht selten aus einem initalen posttraumatischen Kopfschmerz
ein Medikamenten induzierter Dauerkopfschmerz mit entsprechender Chronifizierung
entwickelt. Auf die Gabe von analgetisch wirksamen Mischpräparaten in
der Akutbehandlung des PK sollte auf Grund der möglichen Förderung
der Entwicklung eines Medikamenten induzierten Dauerkopfschmerzes prinzipiell
verzichtet werden. Die Gabe von Antihistaminika und Steroiden, wie früher
mitunter durchgeführt, ist obsolet, ebenso bei PK vom Spannungstyp die
Gabe von Neuroleptika, Barbituraten und Ergotamin-Präparaten.
In der
Akutphase des zerviko-zephalen Schmerzsyndroms nach HWS-Distorsion sind manuelle
Traktionen oder auch Zugbehandlung der HWS mittels Glissonschlinge obsolet.
Gleiches gilt für die Immobilisation mit Gipskravatte (Minervagips).
Nicht sinnvoll und häufig schmerzverstärkend bezüglich des
akuten kopfschmerzbegleitenden Schulter-Nackenschmerzes sind Massagen der
gezerrten Muskulatur, auch Reflexzonenmassagen sowie lokale invasive Anästhesiemaßnahmen
wie subkutane, perineurale oder intraartikuläre Infiltrationen oder
Quaddelbehandlung, ebenfalls Akupunktur oder Akupressur. Frischzell- oder
Ozon-Therapie ist bei PK vom Spannungstyp obsolet. Die Effektivität
einer lokalen Salbenbehandlung des häufig den Kopfschmerz begleitenden
nuchalen Schmerzes ist nicht belegt. Bei zu langer Bettruhe nach Commotio
cerebri besteht die Gefahr der prolongierten Remission bzw. Chronifizierung
des posttraumatischen Syndroms inklusive des posttraumatischen Kopfschmerzes.
Meist ist nur eine klinische Beobachtung über
24 Stunden erforderlich.
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