FAQ

Ist das Tragen einer Halskrawatte nach einem Halswirbelsäulen-Schleudertrauma sinnvoll?

"Die Beschleunigungsverletzung der Halswirbelsäule (HWS) führt zu Nacken- und Kopfschmerzen mit Nackensteife aufgrund schmerzhaft verspannter Schulter-Nacken-Muskulatur. Für den Nackenschmerz wird eine schleuderungsbedingte Zerrung (Distorsion) verantwortlich gemacht. Die Ruhigstellung der HWS mit einer Halskrawatte war deshalb bislang ein in der Praxis übliches therapeutisches Prinzip. Neuere Untersuchungen belegen jedoch, daß eine Ruhigstellung der HWS die posttraumatische Kopfschmerzdauer nicht verkürzt. Gleiches gilt für den Nackenschmerz. Hier wirkt sich die Ruhigstellung sogar negativ aus. Eine norwegische Arbeitsgruppe konnte zeigen, daß Patienten mit akutem HWS-Schleudertrauma, die keine Halskrause trugen, _ Jahr nach dem Unfall weniger Schmerzen und Nackensteifigkeit sowie bessere Gedächtnis- und Konzentrationsleistungen zeigten als eine Vergleichsgruppe von Patienten, die für 2 Wochen eine Halskrawatte trugen und für diesen Zeitraum auch krankgeschrieben waren. Generell ist deshalb bei akutem "HWS-Schleudertrauma" ohne erkennbare strukturelle Läsionen eine Ruhigstellung der HWS mit einer Halskrawatte nicht zwingend. Sie sollte, wenn überhaupt, so kurz wie möglich durchgeführt werden. Es sollten möglichst schnell die alltagsüblichen Aktivitäten (z. B. nach einigen Tagen) wieder aufgenommen werden. Eine kurzzeitige Ruhigstellung der HWS für einige Tage ist lediglich bei Fehlhaltung derselben mit seitendifferentem Funktionsbefund indiziert.

Lediglich bei funktioneller Instabilität der HWS als Schleudertraumafolge ist eine Ruhigstellung im Rahmen einer orthopädischen Betreuung zwingend erforderlich. Diese gelingt nicht durch eine sogenannte Halskrawatte sondern nur durch Anlegen eines Kopfhalteapparates mit Kopffassung und Schulterjoch.

Stets sollten Ruhigstellungen der HWS von stabilisierenden, isometrischen und komplexen krankengymnastischen Übungen bezüglich der Schulter-Nacken-Muskulatur begleitet werden. Ergänzende physikalische Maßnahmen z. B. Kälteapplikationen oder schmerztherapeutische Maßnahmen sollten unterstützend hinzutreten. Der Patient sollte frühzeitig in die Behandlungsmaßnahmen aktiv einbezogen werden (z. B. Automobilisation der HWS, krankengymnastisches häusliches Übungsprogramm, funktionelles, muskelzentriertes Entspannungstraining, roborierende Maßnahmen). In der posttraumatischen Akutphase sollten ärztliche Kontrolluntersuchungen engmaschig erfolgen. Hierbei kann auch über eventuelle Arbeitsunfähigkeit bzw. über eine körperliche Begründbarkeit einer Verlängerung der Arbeitsunfähigkeit entschieden werden. Prinzipiell ist eine rasche Wiedereingliederung in das Arbeitsleben anzustreben.

Priv.-Doz. Dr. med. M. Keidel, Essen

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