therapie-empfehlungen
Für Apotheker
Selbstmedikation bei Migräne und
Kopfschmerz vom Spannungstyp
Evidenzbasierte Empfehlungen der Deutschen
Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft
(DMKG)
Fassung für Apothekenfachpersonal
Einleitung
Die Selbstmedikation von Kopfschmerzen durch die betroffenen Patienten
ist weit verbreitet. Dadurch kommt hier der Beratung in der Apotheke ein
besondere Bedeutung zu. Um das Apothekenfachpersonal bei dieser wichtigen
Aufgabe zu unterstützen,
sind die aktuellen Empfehlungen der DMKG nachfolgend kurz zusammengefasst.
Kopfschmerzarten
Etwa
90 Prozent der Menschen mit Kopfschmerzen leiden entweder unter einem
Kopfschmerz vom Spannungstyp, verkürzend
meist Spannungskopfschmerz genannt, an Migräne,
oder einem Kombinationskopfschmerz aus diesen beiden Formen. Diese Kopfschmerzen
werden auch primäre Kopfschmerzen genannt, d.h. sie sind keine Folge anderer
Erkrankungen, sondern die Kopfschmerzen sind selbst die Erkrankung und aus medizinischer
Sicht nicht gefährlich, auch wenn sie die Lebensqualität der Betroffenen
teilweise ganz erheblich beeinträchtigen.
Kopfschmerz vom Spannungstyp
Beim Kopfschmerz vom Spannungstyp wird die
episodische von der chronischen Form unterschieden. Vom chronischen Spannungskopfschmerz
spricht man, wenn wenigstens an 15 Tagen/Monat Kopfschmerzen auftreten.
Dieser Kopfschmerz ist üblicherweise
drückend bis ziehend, in der Intensität leicht- bis mäßig,
beidseitig und verstärkt sich nicht bei körperlicher Aktivität. Übelkeit,
Geräusch- und Lichtempfindlichkeit können vorkommen.
Migräne
Bei der Migräne handelt es sich um Kopfschmerzattacken mit einer Dauer von
4–72 Stunden. Der Schmerz ist bei etwa 70% der Betroffenen einseitig, sein
Charakter eher klopfend, pochend, pulsierend und seine Intensität mäßig
bis stark, so dass übliche Alltagsaktivitäten erschwert oder unmöglich
gemacht werden. Beim Treppensteigen oder bei üblicher körperlicher
Aktivität wird der Schmerz meist verstärkt. Während des Kopfschmerzes
treten Begleiterscheinungen wie Übelkeit und/oder Erbrechen sowie Geräusch-,
Licht- und Geruchsempfindlichkeit auf. Bei der Migräne mit Aura, an der
etwa 15% der Migränebetroffenen leiden, treten vor der Kopfschmerzattacke
zusätzlich neurologische Symptome auf, die sich allmählich über
5–20 Minuten hin entwickeln und weniger als 60 Minuten anhalten. Kopfschmerz, Übelkeit
und/oder Lichtempfindlichkeit schließen sich üblicherweise direkt
an die neurologische Aurasymptomatik an oder folgen ihr nach einem freien Intervall
von weniger als einer Stunde. Die Kopfschmerzphase kann in Einzelfällen
auch vollständig fehlen. Die typische Aura besteht in Sehstörungen,
halbseitigen Sensibilitätsstörungen, Hemiparese, Sprachstörungen
oder einer Kombination solcher Symptome.
Kopfschmerzen durch Medikamentenübergebrauch
Medikamenteninduzierte Kopfschmerzen stellen in der Migräne- und
Kopfschmerztherapie ein ernstes Problem dar. Es handelt sich dabei um
einen diffusen, dumpf-drückenden
oder auch pulsierenden Dauerkopfschmerz, der sich durch die tägliche
oder fast tägliche Einnahme von Migränemitteln oder Analgetika
entwickeln kann. Besteht der Verdacht auf einen medikamenteninduzierten
Kopfschmerz, sollte den betroffenen Personen dringend ein Arztbesuch
angeraten werden, um gegebenenfalls einen ambulanten oder stationären
Entzug einzuleiten. Eine Umstellung auf andere Medikamente ist bei Vorliegen
eines medikamenteninduzierten Kopfschmerzes erfahrungsgemäß erfolglos.
In der Beratung dieser Patientengruppe sehen wir eine besonders wichtige
Aufgabe des Apothekers.
Selbstbehandlung von Kopfschmerzen
Grundsätzlich
können die primären Kopfschmerzen Migräne
und Kopfschmerz vom Spannungstyp vom Patienten selbst behandelt werden.
Die seltenen Kopfschmerzformen wie Cluster-Kopfschmerz, Trigeminusneuralgie,
atypische Gesichtsschmerzen etc. bedürfen ärztlicher Diagnose
und Therapie. Darüber hinaus
ist ein Arztbesuch unbedingt angezeigt, wenn
- Kopfschmerzen täglich oder fast täglich auftreten
- Kopfschmerzen mit weiteren Symptomen wie Lähmungen, Gefühls-,
Seh-, Gleichgewichtsstörungen, Augentränen oder starkem Schwindel
einhergehen. Auch solche Kopfschmerzen sind im allgemeinen durchaus harmlos,
doch sollte hier eine genaue ärztliche Abklärung erfolgen.
- Kopfschmerzen mit psychischen Veränderungen wie Störungen des
Kurzzeitgedächtnisses oder Störungen der Orientierung zu Zeit,
Ort und Person einhergehen
- Kopfschmerzen erstmals im Alter von über 40 Jahren auftreten
- Kopfschmerzen in ihrer Intensität, Dauer und/oder Lokalisation unüblich
sind
- Kopfschmerzen erstmals während oder nach körperlicher Anstrengung
auftreten , sehr stark sind und in den Nacken ausstrahlen
- Kopfschmerzen von hohem Fieber begleitet sind
- Kopfschmerzen nach einer Kopfverletzung, wie sie z.B. einem Sturz auftreten
- Kopfschmerzen trotz Behandlung an Häufigkeit, Stärke und Dauer
zunehmen
- Kopfschmerzen zusammen mit einem epileptischen Anfall und Bewusstlosigkeit
auftreten
- Kopfschmerzen nicht mehr auf die bisher wirksamen Medikamente ansprechen
Im Zweifelsfall ist immer zu einem Arztbesuch zu raten, wobei üblicherweise
der Hausarzt, der den Patienten kennt, der erste Ansprechpartner sein
sollte.
Auswahl der beurteilten Wirkstoffe und Wirkstoffkombinationen
Die Empfehlungen
der DMKG zur Selbstmedikation bei Migräne und Kopfschmerz
vom Spannungstyp berücksichtigen nur arzneiliche Wirkstoffe und
Wirkstoffkombinationen nach Art und Dosierung, die in Deutschland nicht
der ärztlichen Verschreibungspflicht
unterliegen. Zu deren Beurteilung wurde nach den Kriterien für die
Entwicklung evidenzbasierter Leitlinien eine systematische Literaturrecherche
durchgeführt
und eine Bewertung der klinisch relevanten Studien nach einer einheitlichen
Methodik vorgenommen. Dies führt zu folgenden Empfehlungen der DMKG.
Selbstbehandlung bei Kopfschmerzen vom Spannungstyp
| Mittel der 1. Wahl sind: |
Einzeldosis mit 1000 mg Acetylsalicylsäure
Einzeldosis mit 400 mg Ibuprofen
Einzeldosis der fixen Kombination aus 500 mg Acetylsalicylsäure +
500 mg Paracetamol + 130 mg Coffein
(In Deutschland steht derzeit kein Kombinationspräparat mit
einer identischen Zusammensetzung zur Verfügung. Es sind jedoch mehrere
Präparate mit einer nur geringfügig abweichenden Zusammensetzung
erhältlich. Geplant ist die Einführung einer Kombination mit
Paracetamol 250 mg, Acetylsalicylsäure 250 mg und Coffein 50 mg) |
| Mittel der 2. Wahl ist: |
Einzeldosis mit 1000 mg Paracetamol |
Bei allen anderen Wirkstoffen bzw. Wirkstoffkombinationen gibt es keine oder
nur mangelhafte Hinweise für ihre Wirksamkeit. Einzelnen Patienten, die
mit diesen Medikamenten bisher ihre Spannungskopfschmerzen erfolgreich behandelten,
sollte diese Möglichkeit offen stehen.
Selbstbehandlung akuter Migräneattacken
mit und ohne Aura
| Mittel der 1. Wahl sind: |
Einzeldosis mit 1000 mg Acetylsalicylsäure
Einzeldosis mit 400 mg Ibuprofen
Einzeldosis mit 1000 mg Paracetamol
Einzeldosis der fixen Kombination aus 500 mg Acetylsalicylsäure +
500 mg Paracetamol + 130 mg Coffein (In Deutschland steht derzeit
kein Kombinationspräparat mit einer identischen Zusammensetzung zur
Verfügung. Es sind jedoch mehrere Präparate mit einer nur geringfügig
abweichenden Zusammensetzung erhältlich. Geplant ist die Einführung
einer Kombination mit Paracetamol 250 mg, Acetylsalicylsäure 250 mg
und Coffein 50 mg) |
Bei allen anderen Wirkstoffen bzw. Wirkstoffkombinationen gibt es keine oder
nur mangelhafte Hinweise für ihre Wirksamkeit. Einzelnen Patienten, die
mit diesen Medikamenten bisher ihre Migräneattacken erfolgreich behandelten,
sollte diese Möglichkeit offen stehen.
Selbstmedikation zur Prophylaxe
von Migräneattacken
Obwohl die wissenschaftliche Evidenz für eine
Empfehlung der Migräneprophylaktika
Cyclandelat, Magnesium und Pestwurz nicht ausreicht, sollte einzelnen Patienten,
die eine Migräneprophylaxe hiermit anstreben, diese Möglichkeit offen
stehen.
Empfehlungen für Kinder, Schwangere und stillende Mütter
Bei diesen
Personengruppen sollte vor einer möglichen Selbstmedikation
eine ärztliche
Diagnose und Therapieempfehlung erfolgen.
Vermeidung von Kopfschmerzen bei Medikamentenübergebrauch
Nach derzeitigem
Stand des Wissens ist davon auszugehen, dass Patienten mit primären
Kopfschmerzen, die über einen längeren Zeitraum überhöhte
Dosierungen von Kopfschmerz- und Migränemedikamenten einnehmen, ein höheres
Risiko für die Entwicklung von Kopfschmerzen bei Medikamentenübergebrauch
besitzen – unabhängig davon, ob es sich um Mono- oder Kombinationspräparate,
um Analgetika, ergotaminhaltige Präparate oder Triptane handelt. Wichtiger
als die Zusammensetzung der Präparate ist die Häufigkeit ihrer Einnahme
und ihre Dosierung, also ihr bestimmungsgemäßer Gebrauch.
Deshalb
empfiehlt die DMKG, alle Kopfschmerz- und Migränepräparate
zur Vermeidung der Entwicklung medikamenteninduzierter Kopfschmerzen nicht
länger
als drei Tage hintereinander und nicht häufiger als an 10 Tagen pro Monat
anzuwenden.
Empfehlungen zur nichtmedikamentösen Behandlungen
Allen häufiger
von Kopfschmerzen betroffenen Patienten sollte zu regelmäßigem
Ausdauersport ( z.B. Jogging; Radfahren) sowie dem Erlernen der progressiven
Muskelentspannung nach Jacobson geraten werden. Bei psychologischen Schmerztherapeuten
können darüber hinaus Methoden zur Stress- und Schmerzbewältigung,
kognitive Techniken sowie eventuell Biofeedback-Methoden erlernt werden.
Kopfschmerzliteratur
für Betroffene
- Diener HC. Wirksame Hilfe bei Migräne. Trias 1999.
- Gendolla A, Pross J. Kopfschmerzen – so bekommen sie ihre Krankheit
in den Griff. Falken Verlag 2000.
- Gerber WD. Kopfschmerz und Migräne. Goldmann Verlag 2000.
- Göbel H. Erfolgreich gegen Kopfschmerzen und Migräne. Springer
Verlag 2002.
- Jansen JP. Endlich schmerzfrei – wie sich jeder gegen Kopfschmerzen
und Migräne selbst helfen kann. Herbig Gesundheitsratgeber 2000.
- Peikert A. Migräne und Kopfschmerzen: verstehen – behandeln – bewältigen.
Trias – Das Apothekenbuch 2001.
- Pfaffenrath V. Migräne und Kopfschmerzen – Ärztlicher Ratgeber.
Wort und Bild Verlag 2000.
- Wilkinson M, MacGregor A. Migräne & Kopfschmerzen – Erkennen – Vorbeugen – Heilen.
Doring Kindersley Praxis 2000.
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